Lasst Studierende in Ruhe!

“Jetzt ist schon wieder was passiert.”

So oder so ähnlich könnte ein (Kriminal-)Roman über den Zustand der Studienpolitik in Österreich beginnen. Tatsächlich ist wieder einmal was passiert und wieder einmal ist es wenig erfreulich für zahlreiche Studierende.

Die neueste Novelle des Universitätsgesetzes sieht vor, dass Studierende in Österreich in Zukunft 24 ECTS-Punkte in zwei Jahren erreichen müssen. Wer das nicht schafft, wird exmatrikuliert und hat die Chance verwirkt, sein oder ihr Studium fortzusetzen. Das ist hart.

Bittere Realität

Zwölf ECTS im Jahr, sechs pro Semester? Das klingt erstmal nicht nach besonders viel, vor allem wenn man bedenkt, dass im Ernstentwurf noch die Rede von 16 ECTS pro Jahr die Rede war. Könnte man meinen. Tatsächlich sieht die Realität für zahlreiche Studierende aus:

2014 haben 84% neben dem Studium gearbeitet. Das ist eine gewaltige Zahl. Wer dadurch Zeit verliert, zahlt, sobald er oder sie zwei “Toleranzsemester” überschritten hat, den vollen Studienbeitrag in Höhe von 419 Euro pro Semester (Uni Wien) bzw. 838 Euro pro Jahr. Für nicht EU/EWR-Bürger*innen ist dieser Beitrag sogar noch deutlich höher.

Wer aus finanziell schwächeren Haushalten kommt oder nicht auf den Rückhalt seiner Familie bauen kann und Studienbeihilfe bezieht, darf wiederum nur 10.000 Euro jährlich dazuverdienen, da die Beihilfe sonst wieder gekürzt oder ganz gestrichen wird. Wenn dann trotz Nebenjob und Studienbeihilfe am Ende des Geldes noch zu viel Monat übrig ist, müssen sich Studierende entscheiden: Mehr arbeiten, um den Verlust der Beihilfe auszugleichen oder mit zu wenig Geld weiterstudieren.

Selbst wenn Geld keine Rolle spielen sollte, gibt es andere Hindernisse: Studierende bekommen Kinder, haben vielleicht andere Betreuungspflichten, privat schwierige Situationen, psychische Probleme, Krankheiten, sprachliche Barrieren, Lernschwächen, … oder aber: Man schafft es einfach (unverschuldet) nicht in die Übungen oder Seminare, die man dringend braucht, aber dann erst wieder im übernächsten Semester stattfinden.

Denn an vielen Studienrichtungen muss man inzwischen Semester für Semester Punkte auf die präferierten Lehrveranstaltungen setzen, um darin einen der begehrten Platz zu finden. Ein bisschen also wie im Casino: Am Ende gewinnt (fast) immer das Haus und alle sind unzufrieden. Wer also Pech hat, geht leer aus und verbringt ein Semester lang (mehr oder weniger) mit Däumchendrehen.

Studieren ist schwierig und jetzt schon mit zahlreichen Hürden verbunden. Jahrelang bequem “dahinstudieren” und unbeschwert das Leben genießen können nur die wenigsten. Die immer wieder zitierte “Mindeststudienzeit” ist für viele schlichtweg völlig unrealistisch und nicht erreichbar. 2017 hatte nach sieben Jahren Bachelor nur die Hälfte der Studierenden an Universitäten ihren Abschluss, 30% haben das Studium sogar überhaupt abgebrochen. Es gibt viele gute Gründe, warum Menschen länger für ihr Studium brauchen oder es überhaupt beenden.

Es braucht bessere Studienbedingungen

Wenn man möchte, dass mehr Studierende ihren Abschluss schaffen, ist jede Form von zusätzlichem, staatlichem Druck äußerst kontraproduktiv.

Wenn die Bundesregierung das Thema Bildung Ernst nimmt – und das ist prinzipiell zu hoffen –, sollte sie alles Erdenkliche veranlassen, um Studierenden zu helfen, wo es möglich und Bedingungen zu verbessern, wo es nötig ist.

Leider wird in der öffentlichen Debatte Bildung zumeist mit Schulbildung gleichgesetzt, was schade ist. Und besonders bedauerlich ist es, dass gerade NEOS, eine Partei, die “jedem Kind die Flügel heben” möchte, im Hochschulbereich äußerst neoliberal agiert und mit ihrer Forderung nach nachgelagerten Studiengebühren auch nicht gerade dazu beiträgt, dass studieren niederschwelliger wird.

Das ist auch unser Problem: Schon jetzt ist es so, dass zwei Drittel der Studienanfänger*innen Kinder von Akademiker*innen sind. Das ist kein Vergehen, nein, es zeigt aber ziemlich klar, dass der Bildungsaufstieg in Österreich nach wie vor sehr schwierig ist und selten gelingt.

Vor diesem Hintergrund kann man nur appellieren:
Lasst Studierende (verdammt nochmal) in Ruhe studieren! Es ist völlig egal und schadet absolut niemandem, wenn jemand für sein Studium länger benötigt und seien es 40 Semester.

Das ist auch ein Problem der Bundesregierung. Eine Regelung, die absolut niemandem hilft, aber nur schadet. Als würde man es absichtlich darauf anlegen, Studienabschlüsse zu erschweren und Menschen in ihrem Werdegang Steine in den Weg zu legen. Es ist völlig unverständlich, dass die ÖVP diesen Weg beschreitet. Aber gut, dass eine elitäre Partei Eliten fördert, ist wenig überraschend, wenngleich umso mehr bedauernswert.

Für mich selbst ist diese Regelung auch aus persönlichen Gründen sehr bedauerlich. Ich habe selbst erlebt, wie schwer es sein kann, Studium und Job zu vereinen. Zu fordern, dass man das eben irgendwie schaffen müsse, weil andere es ja auch geschafft haben, entbehrt jeder Realität.

Wir sollten daran arbeiten, mehr Menschen den Zugang zur Hochschule zu ermöglichen, statt Bildungschancen Generation für Generation zu vererben. Genau das passiert in Österreich und genau das führt unweigerlich dazu, dass im Status Quo nie etwas ändern wird.

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