Rudi Anschober, ein Vorbild

Rudolf Anschober lächelt vor grünem Hintergrund

Es gibt Dinge, die einem im Leben ganz schwer fallen: Fehler einzugestehen, etwa. Zu sagen, dass man Hilfe braucht. Anzuerkennen, dass es einem nicht gut geht. Rudi Anschober hat Anfang der Woche all diese Dinge getan und genau damit unglaubliche Stärke bewiesen.

Ich bin der festen Überzeugung, dass Österreich ohne Rudi Anschober weitaus schlechter durch diese Krise gekommen wäre und wir heute nicht da wären, wo wir sind, wenn nicht ein besonnener Krisenmanager die Richtung gewiesen und in einer ruhigen, sachlichen Art unaufgeregt der Bevölkerung erklärt hätte, was aktuell vor sich geht.

Aus heutiger Perspektive, mehr als ein Jahr nach Beginn der Pandemie, mag das womöglich etwas lachhafter wirken. Im März 2020 war das alles aber noch sehr neu, sehr aufregend, fast verängstigend: So etwas wie einen Lockdown hatte es davor noch nie gegeben und die Angst einflößenden Bilder von Menschen in Schutzkleidung kannten die meisten davor wohl nur aus Film und Fernsehen. Und leider hat sich inzwischen auch bewahrheitet, was Sebstian Kurz vor über einem Jahr gesagt hat. Jeder von uns kennt jemanden, der an Corona gestorben ist – und wenn nicht persönlich, dann jedenfalls über eine Ecke.

Die Krise ist weit fortgeschritten, inmitten unserer Gesellschaft angekommen. Und nach wie vor ist unser Schiff Österreich nicht in ruhigen Gewässern. Dieser Tage hat das Land seinen zehntausendsten Corona-Todesfall zu beklagen, für Unbeteiligte nur eine Zahl in der Statistik, für jeden einzelnen Angehörigen ein Weltuntergang.

Kein Richtig, kein Falsch

Ich frage mich, ob der erste Instinkt eines Politikers, der sich mit dieser Herkulesaufgabe einer Pandemie konfrontiert sieht, nicht der des Wegrennens ist. Denn egal, was du tust, jede Entscheidung hat ein Für und Wider und enorme Auswirkungen auf weite Teile der Bevölkerung. Es gibt in dieser Pandemie kein Richtig, kein Falsch. Die Karten für diesen Bereich des Ozeans waren vor einem Jahr noch nicht gedruckt.

Rudi Anschober ist dennoch nicht weggerannt, hat gehandelt und Entscheidungen getroffen, sehr oft Gute, manches Mal umstrittene und gelegentlich sind auch Fehler passiert – wie auch nicht, wenn jeder Tag, jede Woche dich vor neue Herausforderungen stellt, die noch ein Gesundheitsminister zuvor zu bewältigen hatte.

Zu kritisieren ist immer leichter, als zu agieren, vor allem mit dem Wissen und Erfahrungsschatz von heute. So viel ist jedenfalls klar: Beneidenswert war Anschober für diesen Job nicht. Rudi Anschober hat das seinen Job im Rahmen seiner Möglichkeiten sehr gut gemacht – der Blick in viele andere Länder bestätigt das und sein bis zum Schluss hohes Ansehen in der Bevölkerung ebenfalls. 

Ein Vorbild

Nun tritt ein großer Politiker ab, der – obwohl ruhiger als viele andere – größer ist als alle lauten PolitikerInnen. Ihm gebührt mein ganzer Dank. Wenn sich 15 Monate anfühlen wie 15 Jahre, wenn es keinen einzigen freien Tag mehr gibt, die enorme Last auf den Schulten zu schwer wird und die Gesundheit es einfach nicht mehr zulässt, ist der Punkt gekommen, den Hut an den Nagel zu hängen und Adieu zu sagen – so wichtig dieser Job auch ist.

Rudi Anschober hat als Minister öffentlich gemacht, was manche Privatpersonen nicht einmal ihren engsten Freundinnen und Freunden erzählen können. Er hat seine Krankheit offen thematisiert, wie kaum ein Politiker zuvor. Er bricht damit Stigmata und enttabuisiert das Kranksein. Und, er zeigt, dass Kranksein einfach nur „Kranksein“ ist und keine persönliche Schwäche, nichts wofür man sich schämen sollte. Mit seinen Worten, seiner Offenheit, aber auch seinem gesamten Auftreten als Politiker hat Rudi Anschober keine Schwäche bewiesen, sondern enorme Stärke.

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