Gegen das Vergessen

Jahr für Jahr erinnern wir an die verheerenden Ereignisse, die sich zwischen 9. und 10. November 1938 zugetragen haben. Synagogen und jüdische Bethäuser im gesamten Deutschen Reich wurden verwüstet, in Brand gesteckt oder sogar gesprengt. Unzählige jüdische Bürgerinnen und Bürger wurden quasi über Nacht enteignet. Hunderte Menschen wurden ermordet, Zehntausende in den Folgetagen in Konzentrationslager gebracht.

Jene Geschehnisse, die wir heute als Novemberpogrome kennen, waren eine Kriegserklärung an die Juden und markierten die Wende zwischen Verdrängung und Vertreibung sowie der dann folgenden Enteignung und Vernichtung.

An sich sollte es einleuchten, dass das Erinnern auch – oder gerade – achtzig Jahre nach 1938 wichtig ist, doch dem ist nicht so.

Dass Burschenschafter, Neonazis und andere Rechtsextreme wenig von so unerlässlichen Erinnerungskultur halten, liegt auf der Hand und ist nichts Neues. Doch inzwischen scheinen auch immer mehr Menschen, die mit dem rechten Rand der Gesellschaft nichts zu tun haben, die Ereignisse der Vergangenheit in Vergessenheit geraten lassen zu wollen.

Rein subjektiv betrachtet mehren sich die Kommentare derer, die nicht wünschen, dass ihre Kinder an den Schulen zu einem „Schuld-Empfinden“ erzogen werden oder sich nicht länger dafür „schämen“ wollen, Österreicherinnen und Österreicher zu sein. Rein objektiv geht es beim Gedenken auch gar nicht darum, sich Schuld einzugestehen, ja nicht einmal um Reue – schließlich sind nur noch wenige jener Menschen am Leben, die an den Gräueltaten der Nationalsozialisten mitgewirkt haben.

Man gewinnt den Eindruck, die Wahrheit der Vergangenheit laste auf manchen Menschen so schwer, dass es einfacher sei, sie zu vergessen, statt sie anzuerkennen damit zu leben lernen.

Dieses Empfinden vieler Menschen ist gleich doppelt beunruhigend, um nicht zu sagen gefährlich:

Ob Österreich, Polen, Ungarn, die USA oder jüngst Brasilien – weltweit sind rechtsextreme und nationalkonservative Kräfte auf dem Vormarsch, deren einzig politische Agenda es ist, Menschen anhand ihrer Hautfarbe, Religion, Herkunft aber auch ihrer Sexualität und Vermögens zu beurteilen und – als Sündenböcke für alle Übel dieser Welt tituliert – schlechter zu behandeln. Und spätestens wenn das Kokettieren mit Aussagen wie dem „Konzentrieren“ von Geflüchteten „in Lagern“ wieder salonfähig wird, sollten wir aufstehen und auf die Straßen gehen.

Tragisch ist nicht nur die politische Lage, sondern auch, dass ausgerechnet jene Menschen, die am eigenen Leib erfahren mussten, dass auf die Gewalt der Worte schon einmal die Gewalt der Taten folgte, und vor derartigen Tendenzen glaubwürdig warnen könnten, zunehmend versterben, wie erst unlängst der Holocaust-Überlebende Rudolf Gelbard.

Jemand, der sich zuverlässig an die Geschehnisse des Jahres 1938 erinnern kann, ist heute etwa 85 Jahre oder noch älter. Und während es bisweilen noch Usus ist, in der Schule von Zeitzeuginnen und -zeugen lebhaft und aus erster Hand zu erfahren, wie sich die Ereignisse damals zugetragen haben, wird das schon in wenigen Jahren nicht mehr möglich sein und Jugendliche werden ohne derart prägende, in Erinnerung bleibende Begegnungen aufwachsen müssen.

Ganz ohne Zweifel ist das Gedenken heute mehr denn je notwendig. Immer mehr – so scheint es zumindest – wollen Menschen nicht gedenken oder verstehen nicht, warum es so immens wichtig ist. Sowohl in persönlichen Begegnungen als auch in sozialen Netzwerken hat man es mit Menschen zu tun, die, wie sie sagen, „das alles nicht mehr hören können.“
Es sei ja schon so lange her und ohnedies könne man ja nichts dafür und wolle sich auch nicht permanent dafür rechtfertigen müssen, so der Tenor.

In Zeiten, in denen die politische Rechte in Österreich völlig ungeniert am 80. Jahrestag der Novemberpogrome einem NS-Wehrmachtssoldaten gedenkt oder sich offen gegen ein geplantes Holocaust-Denkmal ausspricht, müssen wir doppelt so laut unsere Stimme erheben und derer gedenken, die keine Stimme mehr haben.

Immer wieder kommt es im Rahmen von Holocaust-Gedenkveranstaltung zu bewegenden Momenten, wenn sich bereits betagte Überlebende an das zumeist jüngere Publikum wenden und sinngemäß sagen: „Wenn wir nicht mehr sind, müsst ihr gegen das Vergessen ankämpfen.“ Und das stimmt.

Wir müssen die Erinnerung weitergeben und auch der nächsten Generation die Signifikanz der Geschehnisse mitteilen. Denn, wenn in Mitteleuropa Flüchtlingsunterkünfte in Brand gesteckt werden und Politiker Lager errichten wollen, wissen wir: Was vor 80 Jahren geschah, kann jederzeit wieder passieren.

Als vernunftbegabte Menschen ist es unsere Aufgabe genau das zu verhindern. Und die Gedenkkultur ist ein wichtiger Faktor dabei.

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