Don’t Rain on My Parade

Die Rechte der LGBTIQ-Community sind keine Selbstverständlichkeit und müssen Tag für Tag neu erkämpft werden, in der Hoffnung, dass die nächste Generation Vielfalt akzeptiert und Anderssein respektiert.

In den vergangenen beiden Wochen stand Wien ganz im Zeichen des Regenbogens. Fahnen wurden da wie dort gehisst und von Schönbrunn bis zum Prater fanden diverse Veranstaltungen statt. All das gipfelte im fünftägigen Pride Village am Rathausplatz und der Regenbogenparade, die am Samstag mit 200.000 Menschen erneut bewusst andersrum um den Ring zog.

Auch heuer durfte ich die Grünen Andersrum wieder tatkräftig unterstützen, viele neue Bekanntschaften schließen und tolle Erfahrungen sammeln. Doch der Blick auf die schwarz-blaue Regierung, die die LGBTIQ-Community mit keinem einzigen Wort im Regierungsprogramm erwähnt und alles in ihrer Macht stehende unternimmt, um eine Stimmung zu schaffen, die verschiedene Minderheiten im Land an den Rand der Gesellschaft drängt, macht nachdenklich und gibt zu denken, dass Vieles, was für uns selbstverständlich ist, gesellschaftlich längst nicht überall anerkannt ist.

Das Problem in der Öffentlichkeit und am Arbeitsplatz

Wenn von Pride Parade gesprochen wird, leitet sich pride“ vom englischen Wort Stolz“ ab, was heißen soll, dass (auch) LGBTQ-Menschen sich stolz und voller Selbstvertrauen in der Öffentlichkeit zeigen dürfen und sich nicht verstecken müssen – schließlich gehört die Straße, die Stadt, das Land uns allen.
Wieso sollten sich homosexuelle Paare also nicht auch mit der gleichen Selbstverständlichkeit in der Öffentlichkeit ihre Zuneigung zum Ausdruck bringen können wie heterosexuelle Paare?

Doch egal, ob es sich um schlichtes Händchen-Halten oder sogar um Küssen handelt – immer wieder werden homo- oder bisexuelle Menschen wegen Zärtlichkeiten, die eigentlich selbstverständlich sein sollten, Ziel von Anfeindungen in der Öffentlichkeit. Vom Augenrollen, übers Beschimpfen bis hin zum Anspucken ist alles dabei. Oft genug gibt es auch Fälle, in denen sich Küssende aufgefordert werden, ein Lokal oder sogar – wie vor zwei Jahren – die Universität zu verlassen.

Kein Wunder also, dass auch hierzulande nach wie vor viele Menschen nicht geoutet leben. Laut einer Umfrage von 2017 sind in Österreich lediglich 41% der homo-, bi- und transsexuellen Menschen am Arbeitsplatz geoutet. Und die Vorstellung, dass manche Menschen am Montag zur Arbeit gehen und ihren Kolleginnen und Kollegen beim morgendlichen Kaffee nicht erzählen können, mit wem sie am Samstagabend im Club oder am Sonntagabend im Kino waren, macht (zumindest mich) betroffen.
Im freien Österreich, wie es immer heißt, sind offenbar manche Menschen freier als andere.

Das Problem an Schulen

An Schulen scheint die Situation nicht anders zu sein: Wenn ich mich an meine eigene Schulzeit zurückerinnere, gab es viele Kinder – vor allem Burschen –, die mit Worten wie „schwul“ oder „Schwuchtel“ um sich warfen, als wären es Tic-Tacs. Spätestens als es in Mode kam, anderen Jungs und Männern nach einem Kompliment präventiv „No homo!“ nachzurufen, als müsse man Gefahr laufen ein Quäntchen seiner stereotypisierten, hegemonialen Alpha-Männlichkeit einzubüßen, sahen wohl viele davon ab, sich in einem Umfeld zu outen, wo jede Berührung zweier Männer abseits des obligatorischen Körperkontakts beim Fußball im Sportunterricht jederzeit als „homo“ tituliert werden konnte.

Tatsächlich kannte ich während meiner gesamten Schulzeit keine Mitschülerinnen oder Mitschüler, die sich geoutet hätten.

Ändert sich die Gesellschaft?

Immerhin, zwei junge Aktivisten haben mir im Pride Village erzählt, dass das an ihrer Schule anders sei und sowohl Lehrkräfte als auch Schülerinnen und Schüler kein Problem damit haben, wenn sie mit ihren Partnern Hand-in-Hand durch die Gänge gehen und es auch mehrere geoutetehomosexuelle Paare gebe.
Diese Selbstverständlichkeit mag sich seit dem Ende meiner Schulzeit 2012 etwas geändert haben, es kann jedoch auch einfach daran liegen, dass es sich um zwei verschiedene Schulen handelt.

In jedem Fall ändert sich die Gesellschaft – und das ist auch gut so: Die Jugendlichen und Erwachsenen von morgen werden es als ganz selbstverständlich erachten, dass die Ehe auch zwischen gleichgeschlechtlichen Paaren geschlossen werden kann.
Doch die soziale Akzeptanz ist kein Naturgesetz und eine liberale, weltliche und vorurteilsfreie Bildung könnte wesentlich dazu beitragen, dass die Gesellschaft von morgen aufgeschlossener ist, als die von heute.
Gerade wenn, wie vor wenigen Tagen bekannt wurde, in einem Firmunterricht in Salzburg Homosexualität als „zum Himmel schreiende Sünde“ bezeichnet und de facto auf eine moralische Ebene mit Mord gestellt wird, ist es wichtiger denn je, genau auf die Schulen zu schauen – in der Hoffnung, dass die nächste Generation dem homophonen und antifeministischen Backlash etwas entgegensetzt und die LGBTIQ-Community nicht (nur) mehr augenrollend toleriert, sondern aufrichtig akzeptiert und ehrlich respektiert.

 

Weiter für gleiche Rechte und Diversität kämpfen

Und auch dann noch wird es die Regenbogenparade brauchen, um zu zeigen, dass Rechte für Schwule, Lesben, Bisexuelle, Transgender- und Intersexpersonen nicht aus dem Nichts kommen, keine Selbstverständlichkeit sind, sondern Tag für Tag neu erkämpft werden müssen.
Um zu zeigen, dass die LGBTIQ-Community es nicht duldet, an den Rand der Gesellschaft gedrängt und marginalisiert zu werden, sondern die gleichen Rechte hat, wie alle anderen Menschen auch und diese Rechte auch eingefordert werden müssen.
Und letztlich auch, um zu zeigen, dass Wien und dass Österreich bunter ist als schwarz und weiß, Mann und Frau oder – anders gesagt – wir gegen sie.  Wir, das ist die Vielfalt von uns allen. Und ohne Anderssein gäbe es diese bunte Vielfalt nicht.

Insofern ist ein Land der Vielfalt, der Diversität, des gegenseitigen Miteinanders, der Anerkennung und des Respekts ein Land, auf das ich ehrlich stolz sein kann.

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