Der Platz der Menschenrechte

Ein kaum beachteter Platz

Zugegeben, der Platz der Menschenrechte im siebenten Bezirk war bislang kein Ort, dem ich – und wohl auch viele andere Menschen – besondere Beachtung geschenkt haben:
Zwar finden hier immer wieder Kundgebungen und Demonstrationen statt und auch die alljährliche vegane Freiluftmesse, die Veganmania, hat an diesem Ort inzwischen ihr festes zu Hause gefunden. Doch für die Allermeisten war der Platz der Menschenrechte bislang wohl schlicht das Wegstück zwischen Mariahilfer Straße bzw. Museumsquartier und der gleichnamigen U-Bahn-Station und wurde frequentiert, ohne dem gehaltvollen Namen der Fläche allzu große Bedeutung zuzumessen. So auch von mir, denn nur wenig erinnerte bisher an Menschenrechte.

Am Donnerstag wurde der nun neugestaltete Platz der Menschenrechte feierlich eröffnet und wird seinem Namen damit auch endlich gerecht.

Die belgische Künstlerin Françoise Schein hat für den bislang einigermaßen leeren Raum zwischen U-Bahn-Station und Museumsquartier das „Wiener Bankett der Menschenrechte“ entworfen, wobei es sich um eine etwa zehn Meter lange Tafel mit Bänken an beiden Seiten handelt. Darauf abgebildet sind Teller mit den Artikeln der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte in deutscher und englischer Sprache, umgeben von einer stilisierten Zeichnung der Donau und Zitaten.

Umgeben ist die lange, verflieste Tafel von einem großen, roten Fragezeichen, das unübersehbar am Boden prangt.

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Es handelt sich um Kunst im öffentlichen Raum, wie sie in Wien gewiss keine Seltenheit ist. Doch diese permanente Installation ist viel mehr: Sie lädt die Besucherinnen und Besucher ein, Platz zu nehmen und zu verweilen, Kunst hautnah zu erleben und über die so wichtigen Menschenrechte nachzudenken.

Die Zukunft der Menschenrechte

Gerade in der heutigen Zeit sind Menschenrechte wichtiger denn je, doch ihre Zukunft ist ungewiss. Und zumindest mir kamen beim Sitzen auf der langen Bank so meine Gedanken, ob all es all diese Rechte in zehn, zwanzig oder fünfzig Jahren so noch geben würde oder ob sie dem zunehmenden Nationalismus und der spürbaren Egozentrik zum Opfer fallen würden.
Eine abschließende Antwort darauf fand ich nicht, doch vermutlich – und so ließ es auch die Künstlerin in einem Statement anklingen – existiert das große rote Fragezeichen genau deshalb.

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen.“

Und wohl auch weil die Menschenrechte überall auf der Welt hinterfragt werden, heißt das Kunstwerk mit vollem Titel „Wiener Bankett der Menschenrechte und ihre HüterInnen“ – genau diese Hüterinnen und Hüter der Menschenrechte seien wir alle, meinte Françoise Schein und traf damit ins Schwarze.

Nachdem das Kunstwerk enthüllt und Ansprachen gehalten worden waren, wurde den anwesenden Gästen entlang der Tafel Wein, Brot und Käse gereicht.
Viele freundliche Begegnungen mit interessanten Menschen ergaben sich dabei – vom Bankmanager im Anzug bis zur Rosenverkäuferin in Jogginghose, alle kamen zusammen und nahmen Platz.
Und während wildfremde Menschen unter freiem Himmel bei Tisch saßen, aßen und sich unterhielten, empfand wohl nicht nur ich große Dankbarkeit, in Frieden und Freiheit, aber auch in einer Stadt, in der der so etwas möglich ist, leben zu dürfen.

Kunst zum Erleben

Letztendlich ist es wichtig, sich Menschenrechte vor Augen zu führen, über sie nachzudenken und sich für sie einzusetzen. In diesem Sinne bin ich froh und ehrlich stolz, dass Wien nun einen Ort hat, der dazu besonders einlädt und der Platz der Menschenrechte seinem wichtigen Namen nun endlich Rechnung trägt.

Meine Hoffnung ist, dass dieses Kunstwerk nicht nur mir so schöne Erfahrungen und Erinnerungen bereiten wird und dass auch die Kunst im öffentlichen Raum mehr an Bedeutung gewinnt – schließlich ist es wichtig, Kunst nicht nur sehen, hören oder lesen, sondern auch erleben zu können. Denn Kunst macht nicht nur etwas mit Plätzen, sondern auch mit Menschen und auch davon kann eine so lebenswerte Stadt wie Wien nicht genug haben.

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