Adieu, Eva!

Erst vorgestern Abend dachte ich an Eva Glawischnig und ihren so plötzlichen Rücktritt aus allen Ämtern und Funktionen im Mai vor einem Jahr. Damals, erinnerte ich mich, war die grüne Welt noch einigermaßen okay. Zwar gab es einen öffentlich und medial ausgetragenen Konflikt zwischen den Jungen Grünen und der Bundespartei, und obwohl Glawischnigs Rücktritt eine plötzliche und unerwartete Leere an der Parteispitze mit sich zog, hätte wohl niemand zu wagen geglaubt, dass die Grünen nur fünf Monate später den Wiedereinzug in den Nationalrat verfehlen sollten.

An diesem Tag im Mai 2017 war ich ehrlich traurig. Eva Glawischnig hatte ich immer als integer und korrekte Politikerin erlebt und bestimmt war sie – oder besser gesagt, ihre ruhige, sachliche Art der Politik – einer der Gründe für mich, selbst den Grünen beizutreten und politisch aktiv zu werden. An jenem Tag schrieb ich auch einen Kommentar mit dem Titel „Danke, Eva!“ , der darauf genauer eingeht.

Enttäuschend

Und nun hat dieselbe Ex-Politikerin, die ich einst so bewundert habe, einen neuen Beruf bei einem meines Erachtens skrupellosen Glücksspiel-Unternehmen angenommen, das seinen Profit aus dem Leid spielsüchtiger Menschen bezieht. Viele Menschen in den Foren und Netzwerken dieses Landes fragen sich heute wohl zu Recht, wo denn da Moral und Werte bleiben.

Schließlich haben sich die Grünen seit vielen Jahren mit Glücksspiel-Konzernen angelegt und in etwa in Wien erfolgreich das sogenannte „Kleine Glücksspiel“ abgestellt – sehr zum Leidwesen von Novomatic, die nach dem Glücksspiel-Aus verärgerte Gäste sogar kilometerweit mit dem Taxi zum nächsten Casino und wieder zurück brachen.

Viele Menschen verstehen nicht, wie es zu so einer 180°-Wende kommen kann und auch ich werde daraus nicht schlau, zumal das Fundament der Grünen ihre Grundwerte sind, wovon einer solidarisch ist.
Solidarisch ist, sich bedingungslos für kranke Menschen mit Spielsucht einzusetzen, die einem profitorientierten, multinationalen Konzern ausgeliefert sind. Da spielt es auch keine Rolle, welche Funktion sie dort genau ausübt.

Alleine das heutige Statement, wonach Glücksspielverbote nichts bringen, ist komplett unverständlich und steht völlig konträr zur Position, die die Grünen über Jahre hinweg konsequent vertreten haben.

Dieser Schritt ist auch für mich – mit einem Wort – enttäuschend und viel mehr:
Dass die gebürtige Kärntnerin, die während Wahlkämpfen stets in den Dialekt wechselte, nun ausgerechnet zwei Tage vor einer für die Grünen so wichtigen Wahl in ihrem Heimatbundesland diese „Bombe“ platzen lässt, verärgert und macht fassungslos

„Das haben wir gebraucht wie einen Stein am Schädel“, befindet etwa Maria Vassilakou. Der Wahlkampf der ohnehin angeschlagenen Grünen Kärnten hat das gebraucht wie einen Schuss ins Herz, meine ich.

Fast schon ironisch ist auch, dass Glawischnig ihr erstes Live-Interview seit Monaten mit „oe24-TV“ nun ausgerechnet einem Medium gibt, das in der Vergangenheit bereits öfters die journalistische Sorgfaltspflicht vermissen lies, was Glawischnig sogar während ihrer Rücktrittsrede offen kritisierte – freilich ohne den Namen Wolfang Fellner in den Mund zu nehmen.

„Ich sage aber auch, dass es in der Medienbranche einzelne Persönlichkeiten gibt, die die Republik regelrecht vergiften und unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt damit gefährden. Die keinen Respekt vor der anderen Meinung haben, die journalistische Sorgfalten und Recherche vermissen lassen oder einfach zu tiefst sexistische Machos sind.“

– Eva Glawischnig, am 18. Mai 2017

Oberlehrerhaft, abgehoben, unglaubwürdig

Nichtsdestotrotz ist es eine persönliche Entscheidung. Glawischnig kann und soll jeden Job annehmen, den sie möchte. Insofern halte ich wenig davon, ihr Steine nachzuwerfen und absolut gar nichts halte ich von unter die Gürtellinie gehenden und sexistischen Kommentare, derer man etwa auf der Facebook-Seite des Vizekanzlers zur Genüge findet.

Es ist fast so, als hätten einige geradezu auf Glawischnigs Rückkehr ins mediale Zentrum gewartet, um endlich wieder mit sexistischen und niederträchtigen Wortmeldungen um sich dreschen zu können. Das durchzulesen ist wirklich unschön. Persönliche Angriffe ad hominem haben in den sozialen Netzwerken nichts verloren.

Anders ist da die Vielzahl der hämischen Kommentare, die ich gut nachvollziehen kann.
Denn es ist symptomatisch für das, was viele ehemalige Wählerinnen und Wähler uns vorwerfen:
Oberlehrerhaft, abgehoben, unglaubwürdig.
Sich beispielsweise gegen Dieselautos stark zu machen und dann im Wahlkampf die eigene Spitzenkandidatin in ein Diesel-betriebenes Fahrzeug zu setzen, weil die Reichweite von Elektro-Autos zu gering sei, ist wenig optimal.

„Wasser predigen, Wein trinken“ – so formulieren es auch viele. Davon müssen wir dringend wegkommen.

Die Sache mit der Moral

Freilich fällt auch auf, dass wir Grünen mit einem anderen Maß gemessen werden, als andere Parteien: Wir sind die Verfechter der Moral und des Anstands, doch wenn uns etwas passiert, fällt uns ebendiese Moral doppelt auf den Kopf.

Gusenbauer, Riess-Passer, Schüssel: Sie alle haben nach der Politik Jobs in mehr oder weniger „angenehmen“ Unternehmen angenommen und dennoch hat es ihren jeweiligen Ex-Parteien keine Sekunde lang geschadet. Warum auch? Grundwerte und feste moralische Ideen und Vorstellungen gibt es in anderen Parteien nicht, bei den Grünen schon.

Wir kritisieren andere für unmoralische Entscheidungen, gelten als die gefallenen Moralapostel der Nationen und müssen uns daher selbst fragen, ob das moralische Überlegenheit noch etwas ist, womit man sich selbst schmücken möchte.

Abschied ohne Wehmut

Für mich bleibt der gestrige Tag ein enttäuschender. Dass Glawischnig ihre Mitgliedschaft bei den Grünen zurückgelegt hat, erachte ich als richtig: Nur wenige Menschen haben die Chance, hauptberuflich Politik machen zu dürfen. Wer jahrelang in der Politik an vorderster Front tätigt war, Sprecherin einer Partei und – vielmehr – einer ganzen Bewegung mit Grundsätzen, Werten und Idealen war, ist auch nach der Beendigung dieser Funktion nicht von heute auf morgen Privatperson, sondern hat eine gewisse ethische und moralische Verantwortung – der Partei gegenüber, den Mitgliedern, den Wählerinnen und Wählern und am meisten wohl den politischen Zielen und Visionen dieser Partei. Es ist schade, dass wir Eva Glawischnig nun nicht mehr in grünen Kreisen sehen werden, aber Frust habe ich deswegen keinen, sondern wünsche ihr alles Gute.

Und so ärgerlich es auch sein mag, sich als Partei für etwas rechtfertigen zu müssen, für das man nichts kann, ist letztendlich nicht wichtig, was Eva Glawischnig oder sonstige Ex-Grüne sagen oder tun – für die Zukunft der Grünen sind wir ausschließlich selbst verantwortlich. So oder so bin ich, seit ich bei den Grünen aktiv wurde, nie für eine Person gelaufen, sondern immer für die Werte und Ideale, die dahinter stehen und die wir alle teilen.
Und eben diese Werte lassen es nicht zu, irgendetwas Positives an Konzernen wie Novomatic zu sehen, die ihren Profit aus den Vermögen und Einkommen abhängiger Menschen beziehen.
Im Gegenteil: Glücksspielautomaten ist der Stecker zu ziehen! Dafür haben sich die Grünen seit langem stark gemacht und werden es auch weiterhin tun – auch ohne Eva Glawischnig.

Bleibt zu hoffen, dass sich die Kärntnerinnen und Kärnten am Sonntag für saubere und konzern-unabhängige Politik stark machen.

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